Das Interview

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Wenn Entscheidungen getroffen werden müssen

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Vivantes hat das Geschäftsjahr 2025 trotz gestiegener Behandlungszahlen mit einem Verlust von 121 Millionen Euro abgeschlossen. Wie werden in einer Organisation, die gleichzeitig den Bedarf der einzelnen Bereiche decken, notwendige Investitionen tätigen und ihre finanzielle Lage verbessern muss, konkrete Budgetentscheidungen getroffen? Und welche Rolle spielt eine Funktion wie die Ihre innerhalb dieser Entscheidungskette?

Tamara Stenger

Die veröffentlichten Zahlen zeigen zunächst sehr deutlich, dass steigende Behandlungszahlen nicht automatisch zu einer besseren wirtschaftlichen Situation eines Krankenhauses führen. Gerade darin liegt eine der großen Herausforderungen der Krankenhausfinanzierung.

Über interne Entscheidungsprozesse meines Arbeitgebers kann und möchte ich an dieser Stelle selbstverständlich nicht sprechen. Was ich aber aus meiner fachlichen Erfahrung im Budgetmanagement sagen kann, ist, dass Budgetentscheidungen in einem Krankenhaus grundsätzlich aus dem Zusammenspiel vieler Faktoren entstehen.

Dazu gehören die Leistungsentwicklung, medizinische Bedarfe, Personal- und Sachkosten, gesetzliche Rahmenbedingungen, Investitionen und vor allem die Frage, welche Leistungen über die bestehenden Vergütungssysteme tatsächlich refinanziert werden.

Meine eigene Funktion liegt dabei vor allem an der Schnittstelle zwischen Leistung, Finanzierung und Verhandlung. Wir analysieren Leistungsentwicklungen, bereiten Budget- und Entgeltverhandlungen vor und beschäftigen uns beispielsweise mit der Finanzierung neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden oder anderer besonderer Leistungen.

Gerade dort sieht man sehr deutlich, dass medizinischer Bedarf und Finanzierung miteinander verbunden werden müssen. Eine Leistung kann medizinisch sinnvoll sein, trotzdem muss geklärt sein, auf welchem Weg sie finanziert und gegenüber den Kostenträgern vereinbart werden kann.

Gutes Budgetmanagement bedeutet für mich deshalb nicht, möglichst wenig Geld auszugeben. Es bedeutet, medizinische Realität, gesetzliche Rahmenbedingungen und wirtschaftliche Tragfähigkeit miteinander zu verbinden.

Die eigentlichen strategischen Entscheidungen eines großen Krankenhausunternehmens werden dabei selbstverständlich auf den dafür vorgesehenen Führungs- und Entscheidungsebenen getroffen. Meine Aufgabe ist es, in meinem Verantwortungsbereich die fachliche und finanzielle Grundlage dafür mit vorzubereiten.

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Wo liegt die Grenze der Effizienz?

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Sie haben das Krankenhaussystem zunächst in der unmittelbaren Patientenversorgung und später aus der Budgetperspektive kennengelernt. Wo verläuft aus Ihrer Sicht die Grenze zwischen notwendiger Effizienz – schließlich verfügt kein System über unbegrenzte Ressourcen – und wirtschaftlichem Druck, der beginnt, die konkreten Bedingungen der Versorgung zu verändern? Lässt sich diese Grenze überhaupt objektiv bestimmen?

Tamara Stenger

Effizienz ist zunächst nichts Negatives. Im Gegenteil. Gerade weil Ressourcen begrenzt sind, haben wir die Verantwortung, sie sinnvoll einzusetzen. Nicht jeder Prozess, der über Jahre gewachsen ist, ist deshalb automatisch ein guter Prozess.

Problematisch wird es für mich dort, wo Effizienz nicht mehr bedeutet, unnötige Prozesse zu vermeiden, sondern notwendige Versorgung unter Druck gerät.

Wenn Beschäftigte dauerhaft fehlende Strukturen kompensieren müssen, wenn keine Reserven mehr vorhanden sind oder wenn wirtschaftlicher Druck dazu führt, dass die Zeit für Patientinnen und Patienten immer kleiner wird, ist eine Grenze erreicht.

Diese Grenze lässt sich teilweise objektivieren, beispielsweise über Qualität, Patientensicherheit, Personalbelastung, Wartezeiten oder medizinische Ergebnisse. Aber nicht alles lässt sich über eine einzelne Kennzahl erfassen.

Meine Erfahrung aus der Intensivpflege ist sehr klar: Ein System benötigt Reserven. Auf einer Intensivstation wäre eine hundertprozentige Auslastung sämtlicher Ressourcen kein Zeichen maximaler Effizienz. Sie könnte im nächsten Notfall bereits zum Problem werden.

Deshalb gehören Wirtschaftlichkeit und Versorgungsqualität für mich zusammen. Die beste Effizienz ist nicht die maximale Verdichtung, sondern eine Organisation, die Verschwendung reduziert und gleichzeitig genügend Stabilität besitzt, wenn Versorgung plötzlich mehr benötigt als geplant.

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Warum Geld allein nicht genügt

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Pflegebeschäftigte in Deutschland verzeichnen deutlich mehr krankheitsbedingte Fehltage als Erwerbstätige im Durchschnitt. Zugleich werden die Kosten des unmittelbar an der Patientenversorgung beteiligten Pflegepersonals außerhalb der DRG-Fallpauschalen über ein separates Pflegebudget finanziert. Was lässt sich daraus ableiten? Ist das Problem weiterhin vor allem finanzieller Natur – oder sind die Arbeitsbedingungen, die Organisation und die Frage, wofür Pflegezeit tatsächlich eingesetzt wird, inzwischen mindestens ebenso entscheidend?

Tamara Stenger

Das Pflegebudget war ein wichtiger Schritt, weil Pflege dadurch finanziell anders berücksichtigt wird als früher. Aber die Entwicklung zeigt eben auch: Geld allein löst das Problem nicht.

Ich habe selbst viele Jahre in der Pflege gearbeitet. Die Belastung entsteht nicht ausschließlich dadurch, wie viele Stellen finanziert werden. Entscheidend ist auch, was während einer Schicht tatsächlich passiert.

Wie viel Zeit verbringt eine Pflegekraft mit dem Patienten und wie viel mit Dokumentation, Telefonaten, organisatorischen Aufgaben, Materialsuche oder Prozessen, die möglicherweise anders organisiert werden könnten? Wie verlässlich ist der Dienstplan? Wie gut funktionieren Schnittstellen? Wie wird geführt? Welche Tätigkeiten müssen tatsächlich von hochqualifizierten Pflegekräften übernommen werden?

Wenn wir Pflege stärken wollen, müssen wir deshalb nicht nur fragen: Wie viel Geld geben wir aus? Wir müssen genauso fragen: Wofür setzen wir die wertvolle Zeit dieser Menschen ein?

Mehr Personal ist wichtig. Aber zusätzlich müssen Prozesse besser werden, Digitalisierung tatsächlich entlasten und Aufgaben sinnvoll verteilt werden.

Am Ende sollte eine einfache Frage entscheidend sein: Kommt zusätzliche Finanzierung auch als bessere Arbeitsbedingung und als mehr Zeit für Patientinnen und Patienten an? Erst dann ist sie wirklich wirksam.

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Kann die Reform die wirtschaftlichen Anreize wirklich verändern?

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Nach Darstellung des Bundesgesundheitsministeriums soll die Reform langfristig dazu führen, dass rund 60 Prozent des Krankenhausbudgets unabhängig von der tatsächlichen Fallzahl vergütet werden, während etwa 40 Prozent an die tatsächlich erbrachten Behandlungen gebunden bleiben. Die volle finanzielle Wirksamkeit der Vorhaltevergütung ist nun ab 2030 vorgesehen. Kann diese Reform aus Ihrer Erfahrung im Budgetmanagement den Druck, ‚Fälle zu produzieren‘, tatsächlich verringern? Oder werden bestimmte wirtschaftliche Anreize des DRG-Systems lediglich in anderer Form fortbestehen?

Tamara Stenger

Die Grundidee der Reform halte ich für nachvollziehbar. Krankenhäuser verursachen erhebliche Kosten bereits dadurch, dass sie Versorgung vorhalten. Wenn diese Vorhaltung künftig stärker unabhängig von der tatsächlichen Fallzahl finanziert wird, kann das den unmittelbaren wirtschaftlichen Druck, zusätzliche Fälle generieren zu müssen grundsätzlich reduzieren.

Aus meiner Erfahrung im Budgetmanagement ist jedoch wichtig festzuhalten: Wirtschaftliche Anreize verschwinden durch ein neues Vergütungssystem nicht, sie verändern sich. Auch künftig wird es darauf ankommen, wie Vorhaltebudgets berechnet werden, welche Leistungen einem Krankenhaus zugeordnet werden und unter welchen Voraussetzungen diese finanziert werden.

Ein zentraler Punkt sind dabei für mich die Leistungsgruppen. Sie sollen Finanzierung stärker mit Struktur- und Qualitätsanforderungen verbinden. Das halte ich grundsätzlich für sinnvoll, denn nicht jede medizinische Leistung muss in jedem Krankenhaus angeboten werden.

Wenn ein Team einen bestimmten Eingriff regelmäßig durchführt, über die notwendige personelle und technische Ausstattung verfügt und definierte Qualitätsanforderungen erfüllt, können sich Routine, Erfahrung und eingespielte Abläufe entwickeln. Vereinfacht gesagt: Wenn ein bestimmter Eingriff sehr regelmäßig durchgeführt wird, ist die Erfahrung eine andere, als wenn er nur wenige Male im Jahr erfolgt.

Konzentration kann deshalb durchaus ein Instrument der Qualitätssicherung sein.

Gleichzeitig darf diese Konzentration nicht dazu führen, dass notwendige Versorgung für Patientinnen und Patienten schlechter erreichbar wird. Gerade außerhalb großer Ballungsräume muss deshalb immer auch die Frage beantwortet werden, wie eine verlässliche Grund- und Notfallversorgung gewährleistet bleibt.

Auch die rund 40 Prozent weiterhin leistungsabhängige Vergütung zeigen, dass die Fallzahl wirtschaftlich relevant bleiben wird. Deshalb würde ich nicht erwarten, dass die Reform den Mengendruck vollständig beseitigt.

Entscheidend wird vielmehr sein, ob sie die wirtschaftlichen Anreize stärker mit Versorgungsqualität, sinnvoller Spezialisierung und einer verlässlichen Vorhaltung verbindet.

Für mich wäre die Reform dann erfolgreich, wenn Krankenhäuser notwendige Strukturen dauerhaft finanzieren können, ohne ausschließlich über zusätzliche Fälle wirtschaftlich stabil bleiben zu müssen und wenn Patientinnen und Patienten gleichzeitig davon profitieren, dass Leistungen dort erbracht werden, wo die entsprechende Erfahrung, Ausstattung und Qualität tatsächlich vorhanden sind.

Die Reform sollte deshalb nicht nur verändern, wie Geld verteilt wird. Sie sollte dazu beitragen, dass Finanzierung und Qualität stärker in dieselbe Richtung wirken.