Ende des Interviews

07

Was die Zahlen nicht erfassen

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Eine groß angelegte Erhebung der Weltgesundheitsorganisation unter Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften in der Europäischen Union sowie in Island und Norwegen ergab unter anderem, dass rund jede zehnte befragte Person angab, in jüngster Zeit passive Gedanken an den Tod oder an Selbstverletzung gehabt zu haben. Ein Krankenhaussystem misst Kosten, Leistungen, Bettenzahlen und medizinische Ergebnisse. Erfasst es jedoch ausreichend die menschlichen Folgen seiner eigenen Funktionsweise? Und gibt es einen glaubwürdigen Weg, diese Dimension in wirtschaftliche Entscheidungen einzubeziehen, ohne menschliches Leid auf eine bloße finanzielle Kennzahl zu reduzieren?

Tamara Stenger

Ich glaube, hier müssen wir sehr aufpassen, dass wir nicht versuchen, alles in Geld umzurechnen.

Menschliche Belastung darf nicht erst dann relevant werden, wenn wir berechnen können, was ein Krankheitstag kostet.

Natürlich benötigen große Organisationen Kennzahlen. Wir müssen Krankenstände, Fluktuation, Überstunden oder Personalbindung betrachten. Aber diese Kennzahlen zeigen meistens erst die Folgen.

Die eigentliche Frage muss früher gestellt werden. Unter welchen Bedingungen arbeiten Menschen dauerhaft? Können sie ihre Arbeit so ausüben, dass sie ihrem eigenen professionellen Anspruch gerecht werden? Haben sie Einfluss auf ihre Arbeitsbedingungen? Erleben sie Führung, Unterstützung und Wertschätzung?

Aus meiner Zeit auf der Intensivstation weiß ich, dass Beschäftigte im Gesundheitswesen eine enorme Verantwortung tragen. Viele Situationen nimmt man nach einer Schicht auch gedanklich mit nach Hause.

Wenn zu dieser emotionalen Belastung dauerhaft organisatorischer oder wirtschaftlicher Druck hinzukommt, hat das Folgen.

Genau deshalb halte ich einen Gedanken für wichtig, den ich auch mit High Performance mit Herz verbinde: Hohe Leistung und Menschlichkeit sind keine Gegensätze.

Ein wirtschaftlich stabiles Krankenhaus braucht gesunde und leistungsfähige Mitarbeitende. Aber Menschen dürfen trotzdem niemals nur deshalb geschützt werden, weil ihr Ausfall Geld kostet. Sie müssen geschützt werden, weil ein verantwortungsvolles Gesundheitssystem auch Verantwortung für diejenigen trägt, die es jeden Tag am Laufen halten.

08

Eine einzige Regel verändern

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Wenn Sie eine einzige strukturelle Regel der deutschen Krankenhausfinanzierung ändern könnten, um wirtschaftliche Entscheidungen stärker an der täglichen Versorgungsrealität auszurichten – wirklich nur eine, keine Liste –, welche wäre das? Und welche konkrete Veränderung müsste für Patientinnen und Patienten oder für Pflegekräfte spürbar sein, damit man sagen könnte: Diese Reform wirkt?

Tamara Stenger

Wenn ich tatsächlich nur eine strukturelle Regel verändern dürfte, würde ich die Finanzierung medizinisch notwendiger Vorhaltestrukturen konsequent von der Fallmenge entkoppeln. Das klingt zunächst selbstverständlich. In der täglichen Realität liegt aber genau darin ein großer Teil des Spannungsfeldes.

Krankenhäuser müssen Personal, Technik und medizinische Kompetenz vorhalten. Intensivmedizin, Notfallversorgung oder andere hoch spezialisierte Bereiche lassen sich nicht kurzfristig hoch- und herunterfahren. Diese Strukturen müssen da sein, bevor sie gebraucht werden.

Eine solche Finanzierung dürfte allerdings kein Freifahrtschein sein. Notwendigkeit, Qualität und Transparenz müssten klar nachgewiesen werden.

Ob die Reform funktioniert, würde ich anschließend nicht zuerst an einer neuen Finanzkennzahl messen.

Ich würde auf den Stationsalltag schauen.

Wenn eine Pflegekraft am Ende einer Schicht sagt: „Ich hatte heute wieder mehr Zeit für meine Patientinnen und Patienten und weniger Zeitverlust durch vermeidbare Strukturen und organisatorische Probleme“, dann verändert sich tatsächlich etwas.

Wenn ein Patient gleichzeitig darauf vertrauen kann, dass die notwendige Behandlung dort verfügbar ist, wo sie medizinisch sinnvoll und qualitativ gesichert angeboten wird, dann haben wir Wirtschaftlichkeit und Versorgung ein Stück näher zusammengebracht.

Für mich wäre genau das der Maßstab einer erfolgreichen Krankenhausreform. Nicht, ob das Finanzierungssystem auf dem Papier komplizierter oder moderner geworden ist, sondern ob die Veränderung am Ende bei den Menschen ankommt.

Tamara Stenger

Der Werdegang

Über Tamara Stenger

Tamara Stenger bewegt sich an der Schnittstelle zweier Welten, die in einem einzigen Werdegang nur selten vereint sind: der klinischen Praxis und der Krankenhausfinanzierung.

Seit Dezember 2023 ist sie als Referentin Budgetmanagement bei der Vivantes – Netzwerk für Gesundheit GmbH in Berlin tätig. Zu ihren Aufgaben gehören dort unter anderem die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Budget- und Entgeltverhandlungen sowie Arbeiten im Zusammenhang mit Vertragsunterlagen und Erlösausgleichsberechnungen.

Bevor sie zu Vivantes wechselte, arbeitete sie bei der Berliner Krankenhausgesellschaft an Fragen der Krankenhausfinanzierung, von Budgets und Entgeltverfahren. Ihr Werdegang führte sie auch an das Deutsche Herzzentrum der Charité, wo sie ihre pflegerische Erfahrung schrittweise mit Aufgaben im kaufmännischen Controlling, im Finanz- und im Rechnungswesen verknüpfte.

Dieses ökonomische Verständnis des Krankenhauses fußt auf einer besonders fundierten Praxiserfahrung. Tamara Stenger war als examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin unter anderem in der Intensivmedizin, Anästhesie sowie in der kardiologischen und kardiochirurgischen Intensivmedizin tätig – an der Charité, an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und am Deutschen Herzzentrum der Charité in Berlin.

Zudem verfügt sie über einen Bachelor in Betriebswirtschaftslehre der PFH Private Hochschule Göttingen.

Ihr Werdegang verleiht ihr heute eine besondere Perspektive auf das Krankenhaus: die einer Fachkraft, die die Realität der Pflege unmittelbar erlebt hat, bevor sie deren ökonomische, budgetäre und organisatorische Mechanismen analysierte.

Interview geführt von Julien Laurenceau Porte

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