Tamara Stenger

Internationales großes Interview · Deutschland 🇩🇪

Tamara Stenger

Kann das Krankenhaus Versorgung und wirtschaftliche Zwänge wirklich vereinbaren?

Fünfzehn Jahre am Patientenbett, dann die Krankenhausfinanzierung: ein seltener Blick darauf, was die Verfügbarkeit von Versorgung wirklich kostet.

JLP Décryptage

Einleitung

Auf einer Intensivstation kann ein unbelegtes Bett zunächst wie freie Behandlungskapazität erscheinen. Aus der Perspektive der Krankenhausfinanzierung steht hinter diesem Bett jedoch eine gesamte Infrastruktur, die funktionieren muss, noch bevor ein Patient sie benötigt: qualifiziertes Personal rund um die Uhr, Medizintechnik, Arzneimittel, Diagnostik, Hygiene, Logistik. Diese Verfügbarkeit hat ihren Preis, selbst wenn das Bett leer bleibt.

Diese Spannung zwischen dem, was der Patient sieht, und dem, was die Organisation aufrechterhalten muss, zwischen dem, was das Budget misst, und dem, was die Pflege nicht vollständig in Zahlen fassen kann, steht im Zentrum der Finanzierungs- und Organisationsmechanismen deutscher Krankenhäuser. Eine Einrichtung finanziert nicht nur medizinische Leistungen. Sie muss permanent Teams, Labore, Radiologie, IT, Energie und Notfallkapazitäten vorhalten. Ein Teil der Krankenhauskosten liegt genau in dem, was verfügbar sein muss, bevor es überhaupt genutzt wird.

Doch diese wirtschaftliche Notwendigkeit kann keine beliebige Organisation rechtfertigen. Effizienz ist nicht der Feind der Medizin: Es ist legitim, unnötige Prozesse abzuschaffen und begrenzte Ressourcen intelligent einzusetzen. Aber ein Krankenhaus kann nicht wie ein Industriebetrieb gedacht werden, in dem hundert Prozent der Kapazitäten permanent ausgelastet sein sollten. Gerade auf der Intensivstation kann eine heute ungenutzte Reserve wenige Minuten später unverzichtbar werden. Die beste Effizienz ist nicht die maximale Verdichtung, sondern eine Organisation, die Verschwendung reduziert und gleichzeitig genug Stabilität bewahrt, wenn der Versorgungsbedarf plötzlich das Geplante übersteigt.

Diese Überlegung gewinnt im Kontext der deutschen Krankenhausfinanzierungsreform besondere Resonanz, die vorsieht, einen wachsenden Teil der Budgets schrittweise unabhängig von der tatsächlichen Fallzahl zu vergüten. Für Tamara Stenger werden die wirtschaftlichen Anreize mit dem neuen Modell nicht verschwinden: Sie werden ihre Form ändern. Die eigentliche Herausforderung wird darin bestehen, festzustellen, ob diese Reform Finanzierung, Qualität, sinnvolle Spezialisierung und die tatsächliche Verfügbarkeit der Versorgung näher zusammenbringt.

Doch mehr Finanzierung allein reicht nicht zwangsläufig aus. Die Erfahrung als Pflegekraft verschiebt die Debatte: Die Frage lautet nicht nur „Wie viel Geld wird für die Pflege ausgegeben?“, sondern auch „Wofür wird die Zeit der Pflegekräfte konkret verwendet?“. Dokumentation, Organisation, Materialsuche, unzureichende Schnittstellen, Dienstplanung, Führung: Eine Aufstockung der Mittel verbessert das System nur dann wirklich, wenn sie sich in besseren Arbeitsbedingungen und mehr Zeit für Patientinnen und Patienten niederschlägt.

Schließlich bleibt das, was die Zahlen nicht messen. Eine Einrichtung kann Kosten, Aktivität, Fehlzeiten, Überstunden, Personalfluktuation und medizinische Ergebnisse verfolgen. Doch diese Indikatoren treten oft erst zutage, wenn die Folgen bereits sichtbar sind. Die grundlegendere Frage bleibt: Kann ein Gesundheitssystem die menschliche Realität derer integrieren, die es am Laufen halten, ohne diese Realität selbst auf eine ökonomische Variable zu reduzieren?

Genau an der Schnittstelle dieser verschiedenen Spannungen ist der Blick von Tamara Stenger angesiedelt. Nach rund fünfzehn Jahren in der Intensiv- und Anästhesiepflege wechselte sie in das Krankenhaus-Budgetmanagement. Dieser Werdegang ermöglicht es ihr heute, dieselbe Realität aus zwei normalerweise getrennten Perspektiven zu betrachten: vom Patientenbett aus und aus der Perspektive der Finanzierung der Strukturen, die dieses Bett überhaupt erst ermöglichen. Sie betont, dass ihre Antworten ihre persönliche fachliche Einschätzung und Erfahrung wiedergeben und keine offizielle Position ihres Arbeitgebers darstellen.

Unter welchen Bedingungen kann eine Finanzreform als erfolgreich gelten, wenn ihre Auswirkungen nicht nur in den Bilanzen einer Einrichtung ablesbar sind, sondern auch im Alltag der Pflegekräfte, in der Zeit, die den Patientinnen und Patienten wieder zugutekommt, und in der Fähigkeit des Krankenhauses, die Versorgung aufrechtzuerhalten, wenn sie notwendig wird? Acht Fragen, um diese beiden Realitäten ein und desselben Systems einander gegenüberzustellen.

Redaktionelle Anmerkung

Überarbeitete und korrigierte Fassung — sprachliche und syntaktische Korrekturen, ohne inhaltliche Änderung.

Das Interview

01

Zwei Perspektiven auf das Krankenhaus

JLPdecryptage

Sie haben fünfzehn Jahre in der Intensiv- und Anästhesiepflege gearbeitet, bevor Sie in den Bereich Budgetmanagement wechselten. Was verstehen Sie mit Ihrem heutigen Wissen über Krankenhausfinanzierung heute anders an Situationen, die Sie damals unmittelbar in der Patientenversorgung erlebt haben? Und umgekehrt: Welche Realitäten der Versorgung lassen sich nur schwer in einem Budget abbilden?

Tamara Stenger

Heute verstehe ich wesentlich besser, warum manche Dinge im Krankenhaus nicht allein danach entschieden werden können, was medizinisch oder organisatorisch auf den ersten Blick sinnvoll erscheint. Hinter vielen strukturellen und organisatorischen Entscheidungen steht heute für mich zusätzlich die Frage: Wie wird diese Leistung finanziert? Werden die Kosten tatsächlich refinanziert? Welche Strukturen müssen vorgehalten werden, obwohl sie sich nicht unmittelbar über einen einzelnen Behandlungsfall abbilden lassen?

Als Pflegekraft auf der Intensivstation habe ich beispielsweise ein freies Intensivbett vor allem als verfügbare Behandlungskapazität gesehen. Heute sehe ich zusätzlich, was notwendig ist, um dieses Bett überhaupt jederzeit betreiben zu können. Qualifiziertes Personal rund um die Uhr, Medizintechnik, Arzneimittel, Diagnostik, Hygiene, Logistik und viele weitere Strukturen. Vorhaltung kostet auch dann Geld, wenn in diesem Moment kein Patient in diesem Bett liegt.

Umgekehrt gibt es Dinge, die sich nur sehr schwer in Zahlen übersetzen lassen. Wie bildet man beispielsweise ab, dass eine Pflegekraft zehn Minuten länger bei einem verängstigten Patienten bleibt?

Oder dass ein instabiler Patient innerhalb weniger Minuten die Aufmerksamkeit eines ganzen Teams benötigt? Versorgung ist nicht vollständig planbar. Gerade auf einer Intensivstation kann sich eine Situation innerhalb von Sekunden verändern.

Das ist wahrscheinlich meine wichtigste Erkenntnis aus beiden Welten. Ein Krankenhaus braucht wirtschaftliche Steuerung, aber die Versorgungsrealität lässt sich niemals vollständig in Excel, Fallzahlen oder Budgets abbilden.

02

Was eine Behandlung wirklich kostet

JLPdecryptage

Für Patientinnen und Patienten besteht ein Krankenhausaufenthalt häufig vor allem aus den Ärztinnen und Ärzten, den Pflegekräften und den medizinischen Leistungen, die sie unmittelbar wahrnehmen. Hinter jeder Behandlung steht jedoch eine umfassende personelle, technische und logistische Infrastruktur. Welche besonders wichtigen Kostenfaktoren werden von der Öffentlichkeit – und mitunter sogar von Beschäftigten im Gesundheitswesen – unterschätzt, wenn von den ‚Kosten‘ einer Behandlung die Rede ist?

Tamara Stenger

Wenn wir über die Kosten einer Behandlung sprechen, sehen wir häufig nur das, was unmittelbar am Patienten passiert, wie ärztliche Behandlung, Pflege, Diagnostik, Medikamente oder einen operativen Eingriff. Tatsächlich steht dahinter aber eine sehr viel größere Infrastruktur.

Ein Krankenhaus muss 24 Stunden am Tag funktionsfähig sein. Dafür braucht es nicht nur Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte, sondern beispielsweise Labor, Radiologie, Apotheke, Sterilgutversorgung, OP-Infrastruktur, Medizintechnik, IT, Hygiene, Reinigung, Logistik, Küche, Energieversorgung und technische Dienste. Viele dieser Strukturen müssen permanent verfügbar sein, unabhängig davon, ob sie in diesem Moment vollständig ausgelastet sind.

Hinzu kommt ein Punkt, der außerhalb des Gesundheitswesens häufig wenig bekannt ist: die duale Krankenhausfinanzierung. Die laufenden Betriebskosten, also beispielsweise Personal, Medikamente, medizinischer Sachbedarf, Energie oder andere Kosten des täglichen Krankenhausbetriebs werden im Wesentlichen über die Krankenkassen beziehungsweise die Kostenträger finanziert.

Für Investitionen sind dagegen grundsätzlich die Bundesländer zuständig. Dazu gehören beispielsweise größere bauliche Maßnahmen oder langfristige Investitionen in die Krankenhausinfrastruktur. In der Theorie ist diese Trennung klar. In der Praxis greifen beide Bereiche aber eng ineinander, insbesondere dann, wenn notwendige Investitionen nicht vollständig oder nicht rechtzeitig finanziert werden und Krankenhäuser zusätzliche Belastungen aus dem laufenden Betrieb auffangen müssen.

Was ebenfalls häufig unterschätzt wird, sind die Kosten medizinischer Innovationen. Neue Arzneimittel, Implantate oder innovative Therapien können erhebliche Kosten verursachen. Gerade hier zeigt sich aus meiner heutigen Perspektive sehr deutlich, dass medizinischer Fortschritt immer auch eine Frage der Finanzierung und Refinanzierung ist.

Deshalb besteht der tatsächliche Preis einer Krankenhausbehandlung nicht nur aus der einzelnen medizinischen Leistung. Er umfasst auch die personellen, technischen und organisatorischen Strukturen, die notwendig sind, damit diese Behandlung überhaupt jederzeit sicher stattfinden kann.

Genau das wird in der öffentlichen Diskussion über die „Kosten“ eines Krankenhausaufenthaltes häufig unterschätzt.

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